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Wenn Frauen im Büro Zicken ... - Ein Interview von Saskia Weneit (berlin-maximal.de) mit Marisa Pfister:
Ein giftiger Blick hier, eine abschätzige, aber nett verpackte Bemerkung da, heimliches Geläster, verdeckte Frontenbildung und irgendwann sogar lautes Gekeife – Frauen streiten anders als Männer.
Auch im Büro. Männer unternehmen bei Konflikten in der Firma erst etwas, wenn ein ungewollter Zustand eingetreten ist – während Frauen versuchen, es erst gar nicht zur Auseinandersetzung kommen zu lassen. „Frauen ermitteln verdeckt, Männer wählen die offene Kriegsführung“, sagt Marisa Pfister, die Unternehmen bei Mitarbeiterkonflikten berät.
Und es gibt viele Gründe, die zu einem Streit unter Frauen im Büro führen und zum Zickenkrieg ausarten können. Die eine fühlt sich übergangen, die andere wittert eine Bedrohung in der neuen Kollegin. Noch ist eigentlich gar nichts passiert. Von dieser sachlichen Ebene aus überlegen sich die Frauen dann eine Strategie, um die eigene Position zu stärken oder zu erhalten. „Frauen vermuten und handeln bereits, bevor das Maß voll ist“, sagt Pfister.
Meist seien es Konkurrenzsituationen, sagt Stefan Rodenhäuser. Der Jurist für Arbeitsrecht berät Opfer und Arbeitgeber über den Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing e.V. und macht Mediationen in Betrieben. „Hinter einem Zickenkrieg im Berufsleben steckt eigentlich immer ein sachlicher Hintergrund“, sagt Pfister. Die Ursache sei meist ein Kommunikationsdefizit, die Folge: Kompetenzstreitigkeiten.
Frauen vermuten und handeln bereits, bevor das Maß voll ist
Unklare Aufgaben- und Informationsstrukturen unter Kolleginnen sind so eine Ursache, die die Frauen argwöhnisch untereinander werden lassen können. Gerade bei Stellvertretersituationen komme dies häufig vor, sagt Monika Hirsch-Sprätz von der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. Ein besonders sensibles Thema ist die Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Denn die zeitweise Vertretung während der Elternzeit birgt eine Menge Konfliktpotenzial unter Frauen. Wenn der Platz nach der Babypause weiterhin von der Nachfolgerin besetzt bleibt und Frauen aus der Elternzeit dann auf einen anderen Arbeitsplatz ausweichen müssen, bleibt das oft nicht ohne Spuren, weiß Hirsch-Sprätz aus ihrer Beratererfahrung. Denn die Mutter kann sich an den Rand gedrängt fühlen, auch wenn sie in Teilzeit gehen musste. Besonders wenn die vollzeitbeschäftigten Frauen meinten, mehr Rechte zu genießen, besser Kontakte pflegen zu können oder weniger Zeit- und Aufgabendruck zu haben. Auch die Rückkehr nach längerer Krankheitszeit könne zu einem Konflikt werden, sagt Hirsch-Sprätz. Oder es existierten unterschiedliche Hierarchieebnen unter Frauen mit der Vorgeschichte, dass eine langjährige ältere Mitarbeiterin eine junge, dynamische und neue Mitarbeiterin als Chefin vorgesetzt bekomme.
Frauen reagierten sensibler – aber auch unsicherer – als Männer auf solche Veränderungen und Stimmungen im Büro. Aus diesem Gefühl werde dann sehr genau beobachtet, so Marisa Pfister. Und dann schieße die argwöhnische Frage in den Kopf „Wieso ist die da?“, weiß die Moderatorin und Beratin. Der nächste Schritt: Verhaltensweisen werden analysiert, die Theorie über die Situation überprüft. Soll man ausgestochen werden? Es wird ermittelt und sondiert. „Meist entsteht aus diesem Misstrauen heraus ein sehr einseitiger Blick“, sagt Pfister. Eine nicht erhaltene Information werde dann schnell als mutwillige Handlung unterstellt. Frauen agierten subtiler als Männer, meint Jurist Rodenhäuser.
„Frauen haben nicht nur völlig andere Strategien, einen Konflikt auszutragen, sie gehen auch anders damit um“, sagt Pfister. Fühle sich eine Mitarbeiterin ausgegrenzt oder übergangen, wolle sie sich mitteilen. Sie suche quasi Zuflucht in einer Gruppe und erzähle den Kollegen von ihrem Eindruck. Pfister: „Was oft eigentlich als Ventil gedacht war, fasst die andere als Lästern oder Tratschen auf, hinter ihrem Rücken.“ Und der Strudel beginnt, der Konflikt schwillt bis zum Zickenterror an. Dann werden Informationen tatsächlich vorenthalten, es wird gelästert und versucht, die andere auszustechen. „Männer treten im Kampf häufig selbstbewusster und aggressiver auf und agieren mehr über Seilschaften oder Beziehungen“, sagt Hirsch-Sprätz. Und weiter: „Frauen intrigieren stärker über Gerüchte und legen die Messlatte ihres Erfolges auch über Äußerlichkeiten wie Aussehen, Kleidung und Sexappeal oder die jeweilige fachliche Kompetenz fest.“
Beim Zickenkrieg ergreifen Männer häufig die Flucht
Keine Frage, dass auch die Atmosphäre im Büro darunter leidet. Mobbingberaterin Hirsch-Sprätz erklärt es so: „Beim Zickenkrieg ergreifen Männer häufig die Flucht, Frauen reden über die Frauen, die den Zickenkrieg ausüben und mischen hinterm Rücken oder auch offen Partei ergreifend mit.“ Auch Gruppenbildungen können die Folge sein: „Zickenwirtschaft“, nennt es Marisa Pfister. Das Betriebsklima wird schlechter, ein unbelasteter Büroalltag ist nicht mehr möglich.
Irgendwann sind die Fronten so verhärtet, dass nicht nur die Stimmung im Büro zunehmend schlechter wird, sondern auch die Produktivität leidet. Wenn Mitarbeiterinnen ständig darüber nachdächten, wie sie die Andere ärgern oder diskreditieren könnten und umgekehrt, hätte das auch wirtschaftliche Konsequenzen für das Unternehmen, sagt Jurist und Berater Rodenhäuser. Die Mitarbeiter sind abgelenkt oder irgendwann sogar demotiviert. „Eine schlechte Stimmung oder ein Konflikt können dazu führen, dass die Mitarbeiter nur noch Dienst nach Vorschrift machen“, sagt Rodenhäuser.
Spätestens dann muss der Arbeitgeber einschreiten und versuchen, den Konflikt zu lösen. Im Prinzip sollte er so schnell wie möglich eingreifen, um die Situation zu entschärfen – Arbeitgeber haben die Pflicht, ihre Mitarbeiter zu schützen. Und gerade wenn sich Gruppen bilden und der Konflikt sich systematisch und zielgerichtet langsam auf eine Person richtet, kann sich der Zickenkrieg zu Mobbing ausweiten. Vor allem, wenn es darum geht, eine Person zu schädigen und auszugrenzen, sagt Hirsch-Sprätz. Der Mobbing-Experte Heinz Leymann formulierte den entscheidenden Unterschied zwischen einem Konflikt und Mobbing so: Ein Konflikt werde meist unter etwa Gleichstarken ausgetragen, bei Mobbing sei die betroffene Person deutlich unterlegen.
Welche Rolle eine Frau in einem Konflikt einnimmt, hat in der Regel wenig mit der Persönlichkeit zu tun. „Die Beratungserfahrung zeigt, dass es keine speziellen Opfer- und Tätertypen gibt“, sagt Monika Hirsch-Sprätz. Jede Frau könne zum Täter oder Opfer werden, die Starke, wie die Zurückhaltende. Doch sie betont: „Es gibt bestimmte Verhaltensweisen, die bei Opfern und Tätern gleich sind.“
Die Experten wissen: Dauert ein Konflikt schon Jahre, wird eine Lösung immer schwieriger. „Mann muss die Leute an einen Tisch holen und miteinander offen reden lassen“, rät Pfister. Klappt das nicht, sei ein Mediator hilfreich, der als neutrale Person vermitteln und moderieren kann. Ungewöhnlich sei das nicht, denn viele wollten sich nicht vor Kollegen offenbaren, die unmittelbar mit ihnen zusammenarbeiten oder über berufliche Perspektiven entscheiden könnten.
Wichtig für ein Klärungsgespräch ist, dass Regeln festgelegt werden, damit jeder gleichberechtigt zu Wort kommt. „Ein guter Personalberater versucht immer, die Sachebene wieder herzustellen, weg vom Persönlichen und Gefühlsgeleiteten“, sagt Pfister. Da könne dann zum Beispiel herauskommen, dass die Jobbeschreibung ungenau war. Das wiederum könnte der Auslöser für die Unsicherheiten und Kompetenzstreitigkeiten unter den beiden Kolleginnen gewesen sein. In diesem Fall habe das Ungeschick der Vorgesetzten zu dem Streit geführt und müsse behoben werden.
Ohnehin könne das Verhalten von Chefs – egal ob sie männlich oder weiblich sind – Anlass für Zwietracht unter Frauen sein. Da reiche es manchmal schon, wenn der Chef nur einer Kollegin das „Du“ anbietet, während andere ihn weiterhin siezen müssen. Da brodelt dann die Gerüchteküche. Ein Klischee sei aber, dass ein gut aussehender Chef einen Zickenkrieg herbeiführe. „Männer sind bei Konflikten unter Frauen im Berufsleben ein sekündarer Grund“, sagt Beraterin Marisa Pfister.
Saskia Weneit
Magazin Berlin maximal (berlin-maximal.de), der Tagesspiegel
Ausgabe 4/2010
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